Unsere Reise in ein "neues" Gambia

11
März
2017

Unsere Gruppenreise in das "neue" Gamba im Februar 2017 - Besuch bei unseren Partnern und Freunden von der Sukuta Upper Basic and Senior Secondary School

Nach der Rückkehr von unserer der Reise nach Gambia ist es Zeit, zurückzublicken auf die ganz besondere und bemerkenswerte Gruppenreise des Freundeskreises Sukuta-Moormerland e.V. in der Zeit vom 01. bis 24.02.2017.

Als wir im September 2016 unsere Flugtickets nach Gambia buchten,  konnten wir in keiner Weise damit rechnen, dass unsere Reise durch politische Ereignisse in Frage gestellt werden könnte.

Aber das unerwartete Ergebnis der Präsidentenwahl in Gambia vom 1.Dezember 2016 und die sich überschlagenden politischen Ereignisse – die Nichtanerkennung des Wahlergebnisses durch den abgewählten Präsidenten Jammeh, die Weigerung, sein Amt am 18.Januar 2017 an den gewählten Präsidenten Adama Barrow zu übergeben, die Ausrufung des Ausnahmezustandes für die Dauer von 90 Tagen durch Jammeh bis hin zum Einmarsch der ECOWAS-Truppen in Gambia, um Jammeh zum Rücktritt zu zwingen – führten dazu, dass auf Grund von offiziellen Reisewarnungen viele europäische Reiseveranstalter ihre Flüge nach Gambia zunächst bis zum 31.01.2017 stornierten und sogar aus Furcht vor kriegerischen Auseinandersetzungen die sich in Gambia aufhaltenden Touristen umgehend auszufliegen begannen.

Wie groß war unsere Freude, als sich auf Grund des sich abzeichnenden friedlichen Übergangs von der Diktatur in ein neues Gambia abzeichnete, dass die Flüge nach Gambia von Amsterdam aus am 1.Februar 2017 wieder aufgenommen werden.

Und so reisten wir am 01.02.2017 von Moormerland über Amsterdam nach Banjul. Wie in jedem Jahr ließen es sich unsere Freunde und Partner von der Sukuta Upper Basic and Senior Secondary School sowie unser langjähriger Freund und Fahrer Pamodou nicht nehmen, uns am Flughafen zu begrüßen.  

Nach einer insgesamt 18-stündigen Reise erreichten wir gegen Mitternacht das Bungalow Beach Hotel an der Kotu Beach, das für die nächsten zwei bzw. drei Wochen unser Domizil war. Zu der Reisegruppe gehörten Alfred Wübbena, Inge Elsen-Wübbena, Anneliese Kage, Meike Rose, Helga und Joachim Killian, Edith Pauw-Lay, Jan Lay, Rika Lay und Holger Schneider, der die Reise in gewohnter Weise geplant und organisiert hatte.

Neben Besuchen der Partnerschule des Freundeskreises , der Sukuta Upper Basic and Senior Secondary School, Gesprächen mit der Schulleitung und dem neu gewählten School Management Committee und Unterrichtshospitationen, enthielt das Rahmenprogramm auch Ausflüge in die Hauptstadt Banjul und nach Juffure auf der Northbank und zur Insel Kunta Kinte-Island (früher James Island) im Gambia River. Auch wurde den Teilnehmern die Möglichkeit geboten, Nachmittage mit gambischen Familien in deren Compound zu verbringen; hier konnten sie eindrucksvolle Einblicke in das Leben einer gambischen Großfamilie gewinnen.

Im Hinblick auf das geplante Bengo-Projekt 2018 (Neubau einer Schulbibliothek) waren für uns besonders wichtig Gespräche mit dem im November 2016 neu gewählten School Management Committee (SMC), hatten wir doch seit 2 Jahren alle Vorbereitungsgespräche mit dem nun nicht mehr amtierenden SMC geführt. Hier musste das neue SMC mit  dem aktuellen Stand der Vorbereitung vertraut gemacht werden, damit beim Antragsverfahren keine Verzögerung eintritt. Dazu führten die Vorstandsmitglieder Alfred Wübbena und Holger Schneider mehrere Gespräche mit dem gesamten SCM und der Schulleitung. Dabei erzielten wir Übereinstimmung in Bezug auf den Raumplan als auch den Standort der geplanten Bibliothek. Auch wurden noch offene Fragen zufrieden-stellend vom SMC beantwortet. Besonders hervorzuheben ist die freundschaftliche, offene, konstruktive, ja schon fast familiäre Atmosphäre während der gemeinsamen Treffen.

Aber wir waren auch nicht ohne Gastgeschenke nach Gambia gereist. Jeder Teilnehmer hatte die Höchstgrenze von 30kg Gepäck/Person mit Verbrauchsmaterialien für Schüler und Lehrer sowie Sportgeräten ausgereizt. All das wurde am 03.02.2017 bei der Begrüßung der Reisegruppe durch Schüler, Schulleitung und SMC-Mitglieder der SUBSSS in der Assembly Hall präsentiert. Besonders gefreut haben wir uns, dass wir der Schule für den weiteren Innenausbau der Assembly Hall 5.000 € ( = 235.000 Dalassi) zur Verfügung stellen konnten. Mit diesem Betrag soll die Halle elektrifiziert sowie der Fußboden mit Estrich versehen werden. Präsentiert wurden unsere Gastgeschenke noch einmal am 21.02.2017 vor Vertretern der Presse und des gambischen Fernsehnsenders GRTS. Über diese Präsentation wurde in den Abendnachrichten von GRTS und später auch in der Presse berichtet.

Am meisten interessierte uns alle aber die Frage,  wie sich das „neue“ Gambia nach der historischen Wahl vom 1.Dezember 2016 darstellen würde, wie die Menschen auf dieses Ereignis reagieren würden.

Schon auf der Fahrt ins Hotel zeigte Gambia sein neues Gesicht: die unzähligen Portraits des abgewählten  Präsidenten an den Straßenlaternen und die großflächigen Ergebenheitsadressen  von Unternehmen waren verschwunden; es gab nur wenige Plakate, die auf die Vereidigung des neuen Präsidenten im Independence Stadium in Bakau am 18.Februar 2017 hinwiesen und die Bevölkerung einluden, daran teilzunehmen.

Am 18.Februar 2017 wurde der am 01.12.2016 neu gewählte Präsident der Republik Gambia Adama Barrow im Independence Stadium von Bakau vor Tausenden begeisterten Zuschauern feierlich vereidigt. Und wir durften dabeisein!

Der Chairman des SMC, Mr.Saikou Fatty hatte Alfred Wübbena und mich zur Feier der Vereidigung des neuen Präsidenten eingeladen. Schon um 5 Uhr machten wir uns bei totaler Dunkelheit auf den Weg ins Stadion, gegen 6.30 Uhr wurden die Tore geöffnet. Von unserem Platz aus sahen wir über der Gegentribüne die Sonne aufgehen über dem NEUEN Gambia. 

Auf dieser Tribüne kam es zu dramatischen Ereignissen; unkontrolliert strömten immer mehr Menschen in das Stadion, was zu einer Überfüllung der Gegentribüne führte: Menschen sprangen von der Balustrade in die Tiefe oder wurden von den drängelnden Menschen über die Balustrade gedrückt. Bilder, die eigentlich niemand sehen will, die aber Erinnerungen an das Unglück im Heysel Stadion in Brüssel 1985 wach werden ließen! 

Auch hinter uns füllen sich die Ränge. Immer mehr Menschen strömten auf die Tribüne, es wurde immer enger! Besucher, die bei der Vereidigung ihres Präsidenten unbedingt dabei sein wollten und auf den Tribünen keinen Platz mehr fanden, strömten in das Stadioninnere. Die ersten Staatsgäste fuhren in das Stadion.

Der Zeitplan war vollkommen aus dem Ruder gelaufen, so dass auch um 12 Uhr Präsident Barrow immer noch nicht das Stadion erreicht hatte. Er konnte erst mit vierstündiger Verspätung vereidigt werden.
Immer mehr Menschen wollten dabei sein und strömten ins Stadion, so dass die Sicherheitskräfte die Tore zu den Tribünen schlossen; niemand kam mehr herein, aber es kam auch niemand mehr heraus! 
Die Menschen standen so dicht gedrängt neben- und hintereinander, dass man sich kaum noch bewegen konnte. Alfred, Saikou und ich empfanden diese Situation als so bedrohlich, dass wir uns entschlossen, das Stadion zu verlassen. Da die Zugänge zu den Toren total versperrt waren, blieb uns nichts anderes übrig, als über die Absperrung des VIP-Bereiches zu unserem Tribünenbereich zu klettern, ein nicht ganz einfaches Unterfangen für mich. Nach etwa 30 Minuten hatten wir das Stadion endlich verlassen und verfolgten dann die Vereidigung des Präsidenten im Fernsehen im Hotel.

Ganz besonders deutlich wurde das neue Gambia in den vielen Gesprächen mit den Menschen auf den Märkten und auf den Straßen. „Gambia has decided“ begegnete uns überall an Hauswänden in den Straßen oder die Menschen trugen ein T-Shirt mit diesem Slogan. Man spürte jedes Mal, wie stolz sie über den in der afrikanischen Geschichte einmaligen, friedlichen Wechsel von einer 22-jährigen Diktatur in ein demokratisches Gambia waren und wie sehr sie es genossen, wieder frei und ohne Furcht vor Verhaftung und Verrat miteinander sprechen, auch kontrovers diskutieren und berichten zu können, was Angehörigen, Freunden oder Nachbarn während der Diktatur passiert ist oder wie sie vor Wahlen unter Druck gesetzt wurden. Sie haben jetzt die berechtigte Hoffnung, dass die Menschenrechtsverletzungen und kriminellen Machenschaften der Regierung Jammeh juristisch aufgearbeitet und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Sie alle wünschen sich nichts mehr als ein freies, demokratisches und den Menschenrechten verpflichtetes neues Gambia, in dem unabhängig von Geschlecht, Religion, Hautfarbe und Volkszugehörigkeit Menschen in Frieden zusammenleben können und in dem Willkür, Folter und Unterdrückung nie mehr Platz haben. Sie haben diese Zukunft verdient!

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Freundeskreis Sukuta-Moormerland e.V.

Autor

Holger Schneider