Dekolonisierung des Denkens

26
Oktober
2017

Ngugi wa Thiong'os Essaysammlung "Decolonising the Mind" liegt nun endlich auch auf Deutsch vor!

"Der Gedanke wirkt im deutschen Kontext absurd: Was geschähe, wenn jemand forderte, Chinesisch oder Kiswahili als Unterrichtssprache in deutschen Schulen einzusetzen? Kaum jemand nähme den Vorschlag ernst und würde sich damit befassen. So abwegig scheint die Vorstellung, dass Kinder in einer anderen Sprache als in ihrer Muttersprache lernen sollen! Genau dies ist aber in der afrikanischen Welt der Fall. In vielen afrikanischen Ländern werden alle Fächer in den Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte unterrichtet. Im westafrikanischen Gambia zum Beispiel gibt es überhaupt keinen muttersprachlichen Unterricht und der Physiklehrer erklärt das Gesetz des freien Falls nicht auf Mandinka oder Wolof, sondern auf Englisch. Als Folge ist die Zahl der erfolgreichen Schulabschlüsse sehr niedrig, die Enttäuschung der Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, entsprechend hoch."

So beginnt das Vorwort zu der deutschen Übersetzung von Ngugi wa Thiong'os Essays "Decolonising the Mind", das Christa Morgenrath und ich schrieben.

Seit dem Jahr 2000 arbeite ich mit dem Verein Freundeskreis Sukuta Moormerland e.V. an dem Unterhalt und dem Ausbau der Bibliothek an der Sukuta Upper Basic and Senior Secondary School in Sukuta/Gambia. Bei meinen Besuchen in der Bibliothek erlebe ich immer hoch motivierte Kinder, die lernen wollen. Ich erlebe aber auch, wie schwer vielen das Lesen und Schreiben in der Unterrichtssprache Englisch fällt. Und wie wenig Möglichkeiten es gibt, diese Kinder angemessen zu unterstützen.

Ngugi wa Thiong'os "Decolonising the Mind" eröffnete mir einen neuen Blick auf diese Frage. In seinen vier Essays analysiert er die geistigen Folgen des europäischen Kolonialismus, der Unterdrückung der Sprachen Afrikas und damit auch der Zerstörung von Kulturen. Europas Sprachen, sein Denken, sein Blick auf Geschichte und Gegenwart bestimmen noch heute den Lehrplan von Schulen und Universitäten und beeinflussen das afrikanische Selbstverständnis. Ngugi wa Thiong’o zeigt, dass die afrikanischen Sprachen ein wesentliches Mittel zur Befreiung von kolonialen Herrschafts- und Denkstrukturen sind. Denn die Sprache ist ein Kommunikationsmittel und gleichzeitig eine Trägerin von Kultur und Weltsicht.

Deshalb war es mir ein Anliegen Ngugi wa Thiong'os Gedanken auch in deutscher Sprache verfügbar zu machen. Und ich bin sehr froh, dass in Zusammenarbeit mit Christa Morgenrath von stimmenafrikas/Allerweltsahus Köln e.V., mit der Afrika Kooperative Münster e.V. und dem Unrast Verlag dieses Projekt gestemmt werden konnte. Übersetzt hat das Buch Thomas Brückner. Die Übersetzung wurde freundlicherweise unterstützt von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW. Einen Beitrag leistete auch der Peter Hammer Verein für Literatur und Dialog e.V.

Ergänzt wird die nun erstmals auf Deutsch vorliegende Essaysammlung durch aktuelle Beiträge des senegalesischen Schriftstellers Boubacar Boris Diop, des kamerunischen Politikwissenschaftlers Achille Mbembe, der simbabwischen Schriftstellerin Petina Gappah, des südafrikanischen Autors Sonwabiso Ngcowa und des Literaturwissenschaftlers und Autors Mukoma wa Ngugi, einem Sohn Ngugi wa Thiong’os.

Herausgegeben wird das Buch von stimmen afrikas /Allerweltshaus Köln e.V. und der Afrika Kooperative Münster e.V., erschienen ist es im Unrast Verlag, Münster, ISBN 978-3-89771-235-5. Es ist im Buchhandel erhältlich oder online unter https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/dekolonisierung-des-denkens-detail

Anna Stelthove-Fend

 

Weitere Infos unter:

www.stimmenafrikas.de

www.unrast-verlag.de

 




 

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Anna Stelthove